Sonja Bougaeva – Wie Frau B. so böse wurde …

Wie Frau B. so böse wurde

Vor Frau B. fürchtet sich jeder, besonders die Kinder. Doch sie war nicht immer so böse und brummig. Als kleines Mädchen wurde sie nämlich von anderen Kindern gehänselt und verspottet.  Ihrer Mutter konnte sie ihre Sorgen nicht anvertrauen, denn sie meinte nur, dass beim Essen nicht gesprochen werden darf.  Die kleine Frau B. wurde trauriger und trauriger. Diesen Zorn konnte sie über Jahre nicht mehr loswerden.
Auf einem Spielplatz strickend, erblickt Frau B.  eines Tages ein kleines Mädchen, das Tränen in den Augen hat, weil sie zuvor von einem Jungen mit Sand überschüttet wurde. Ab diesem Zeitpunkt spürt sie etwas ganz Ungewöhnliches … denn etwas kam ihr ganz bekannt vor …
Sie ging zum Spielplatz, um dort bequemer Kinder zu hassen.

Dieses Bilderbuch lässt mit einer Rückblende in die bewegende Vergangenheit einer verbitterten alten Dame blicken. Diese schmerzliche Erfahrung hat Frau B. zu der gemacht, die sie heute ist. Durch die Tatsache, dass ihre Mutter damals für sie kein Gehör gefunden hat und sie mit ihrer Traurigkeit allein gelassen wurde, staute sich zu einem innerlichen Damm voller loderndem Zorn.

Umso erfreulicher ist es zu entdecken, wie dieser Damm durch eine Begegnung mit einem kleinen Mädchen bricht. Nach und nach und zwar ganz langsam öffnet sich Frau B. Herz und sie kann sich wieder wie ein kleines, glückliches Mädchen fühlen.

Sonja Bougaeva hat bereits viele tolle Bilderbücher illustriert, u.a. „Wanda Walfisch“ oder auch „Zu Tisch!“. Auf diesem Titelbild  präsentiert sie eine überdimensionale, bedrohend wirkende alte Frau, die miesmutig mit einem Regenschirm bewaffnet den Betrachter anstarrt. Und doch ist der Farbauswahl, der Schriftwahl und dem Zeichenstil etwas Nettes und Warmherziges zu entlocken. Der Charakter der alten Dame ist durch die Darstellung außergewöhnlich gut getroffen. Man nimmt ihr ihre grimmige Art genauso gut ab, wie ihre Wandlung zu einer doch ganz netten und freundlichen alten Dame. Die Illustrationen sind allesamt zauberhaft. Ein reiner Augenschmaus.

Die Botschaft ist nicht minder wertvoll. Hier werden ganz kindgerecht die evtl. Konsequenzen von Mobbing-Opfern dargestellt. Dieser Schmerz ist so groß, dass man ihn sogar über Jahre hinweg mit sich trägt.

Wie Frau B. so böse wurde
 Ein verbitterter Kampf um die Verarbeitung von Kindheitserfahrungen.

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Daniel Miyares – Verzeihung!

Verzeihung

Auf einer angeblichen Sandbank sitzend, genießt ein kleiner gelber Vogel seine Ruhe. Als dann weitere Tiere sich auf die Sandbank gesellen und stets „Verzeihung!“ rufen, wird es doch ganz schön eng. Bevor ein Fuchs die Tiere warnen kann, explodiert der gelbe Vogel förmlich vor Wut und verjagt die Tiere mit einem lauten „Haut endlich ab!“. Und als es wieder ganz still wird, entpuppt sich die Insel als eine gefährliche Niederlassung…
Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus.

Der miesmutig dreinschauende kleine Vogel erntet, was er gesät hat. Seine Unfreundlichkeit kommt schließlich im Sinne eines Bumerangeffekts zu ihm zurück. Daniel Miyares kombiniert eine große Prise schwarzen Humors mit leuchtenden, farbenprächtigen Illustrationen. Der Text ist sehr reduziert und auf die Kernaussagen pointiert geschrieben.

Das Bilderbuch ist für Kinder ab 6 oder 7 Jahren zu empfehlen. Jüngere Kinder werden die Botschaft des Bilderbuchs wahrscheinlich noch nicht begreifen. Es sollte definitiv über einen alternativen Umgang mit den Tieren seitens des kleinen Vogels gesprochen werden. Die kleinen Zuhörer könnten sicherlich reflektieren, wie die Tiere sich gefühlt haben mögen.

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„Verzeihung!“ – darf auch sehr gerne ironisch verstanden werden.

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Dieses Bilderbuch ist ein schöner Eintieg in die Thematik "Wir benehmen uns". Daran anschließend kann "Der Benimm-Führerschein" von Bernd Wehren zum Einsatz kommen.

Cruschiform und Barbara Heller – Schneller?!

Schneller?!

In diesem Bilderbuch dreht sich alles um Geschwindigkeit, dem Verhältnis von Weg und Zeit.  Von 0,3 km/h bis zu sagenhaften +100 000 km/h werden auf einer Doppelseite Tiere, Fahrzeuge, Naturphänomene – eigentlich alles was in Bewegung gebracht werden kann, präsentiert. Hätten Sie gewusst, dass ein Seepferdchen genauso „schnell“ wie eine Galápagos-Schildkröte ist? Das Seepferdchen gehört zu den langsamsten Tieren der Erde, da ist die Riesenschildkröte mit mehr als 370 m/h ihr eine Nasenlänge voraus. Wer schafft es auf 200 km/h?Ein Mauersegler oder ein Hubschrauber? Nun die richtige Antwort ist: beide.Dieses Kindersachbuch beeindruckt durch einen einfachen und übersichtlichen Aufbau. Auf der linken Seite wird stets die Geschwindigkeit und ihr gegenüber alles, was in dieser Zeit den gleichen Weg zurück legen kann, verbildlicht. Die Zeichnungen leuchten in strahlenden Kontrastfarben. Sehr dominant sind die Farbnuancen Blau, Orange und Gelb. Erfreulicherweise wurde ein Glossar angehängt, in dem zu den einzelnen Tieren und Fahrzeugen eine kurze Erläuterung mit interessanten Informationen zu finden ist. Hier erfahren wir, wann das erste Fahrrad erfunden wurde und dass es „Veloziped“ hieß oder welche Funktion die beiden Höcker eines Kamels haben.

„Schneller?!“ bringt den Betrachter zum Staunen. Besonders der Vergleich von Technischem mit Natürlichem ist phänomenal und schon fast angsteinflößend. Die letzte Seite ist dann doch einem Naturphänomen gewidmet, sodass die technischen Errungenschaften an die Wunder der Natur (noch) nicht herankommen.

Schneller?!
weiterarbeit
Durch die nun neu geweckte Neugier nach der Geschwindigkeit, wäre es denkbar ein gemeinsames Kunstbuch nach dem Schema von „Schneller?!“ zu entwickeln. In kleinen Gruppen können Kinder recherchieren und eine Seite zu einer bestimmten km/h-Zahl entwickeln. Welche Tiere oder Fahrzeuge kriechen, fliegen, rennen oder fahren genauso schnell? Die dazu passenden Motive können selbst gemalt oder ausgedruckt und aufgeklebt werden.

Dieses Bilderbuch weckt das kindliche Interesse weiter zu forschen und trumpft mit außergewöhnlichen und verblüffenden Geschwindigkeitsvergleichen auf.

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Peter Turrini und Gerhard Haderer – Manchmal ist ein Fasan eine Ente

Manchmal ist ein Fasan eine Ente

Die vierjährige Theresa verbringt viel Zeit beim siebenundsechzigjährigen Peter-Ini. Gemeinsam gehen sie spazieren, frühstücken oder lesen ein bisschen. In allen Situationen grübeln sie über das Leben und es stellt sich bald heraus, dass das kleine Mädchen den intelektuellen Schriftsteller ganz schön herausfordert. Erwachsene wissen eben doch nicht immer alles. Peter-Ini weiß dagegen sehr gut sich auf die Gespräche mit Theresa einzulassen. Das Ergebnis sind offene, ehrliche, unverschleierte und manchmal sogar unerwartet tiefgründige und philosophische Gesprächswiedergaben, die laut dem österreichischen Schriftsteller Peter Turrini sich tatsächlich so abgespielt haben.

Die über 20 hier festgehaltenen kurzen Sequenzen geben in Form eines Comics authentische Kindergespräche wieder. Es sind alltägliche Situationen, in denen Kinder die besten Einfälle haben, die Peter Turrini stets festgehalten hat, um daraus ein Buch zu machen. Menschen, die mit Kindern in diesem Alter zu tun haben, merken schnell wie lebensnah und ehrlich diese Gespräche sind.

Thematisch drehen sich die Gespräche um das Älterwerden, die Gefühle Traurigkeit und Angst, Geschwisterliebe, Schönheit, Freundschaft und vieles mehr… Gerhard Haderer interpretiert die jeweiligen Situationen in einer fantastischen Mimikdarbietung. Diese lebendigen Illustrationen, gemeinsam mit dem erfrischend natürlichen Text, machen dieses Bilderbuch zu etwas ganz Besonderem.

Manchmal ist ein Fasan eine Ente
– Ich bin fantastisch schön.
– Sicher. Weißt du überhaupt was das heißt?
– Was?
– Fantastisch schön?
– Das heißt, dass ich ganz viel schön bin.
– Und ich? Wie schau ich aus?
– Du bist nur ein bisschen schön, weil du schon ein bisschen alt bist.
Es ist ein wunderbares Geschenkbuch  für alle Hobby-Philosophen, Erzieher, Großeltern und alle Menschen, die Kinder lieben.

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Jan De Kinder – Tomatenrot oder Mobben macht traurig

Tomatenrot oder Mobben macht traurig

Tom wird rot. Seine Wangen verfärben sich von Tomatenrot über Paprikarot bis hin zu Kirschrot. Die anderen Kinder kichern. Seine Wangen blinken noch mehr: An. Aus. An. Aus. Tom wird immer stiller. Sein Feind Paul dafür umso lauter. Die Ich-Erzählerin möchte, dass Paul aufhört. Denn eigentlich ist Tom ganz nett. Aber sie hat Angst. Sie traut sich nicht. Wird sie all ihren Mut zusammen nehmen und sich für Tom einsetzen? Oder muss Tom sich alleine behaupten? Und wie reagiert die Lehrerin auf das Mobbing?
Das Rotwerden ist ein äußerst sensibles Thema. Manche Kinder und auch Erwachsene werden schnell rot. Sei es ein peinliches Ereignis oder eine freudige Erregung, schon wechselt die Gesichtsfarbe und nimmt einen Rotton an. Es ist jedoch nichts wofür man sich schämen sollte. Es kann sogar ganz liebenswürdig und reizend erscheinen. Das sollte Kindern ganz früh vermittelt werden.

Das Rotwerden kann bei Kindern aber auch  als Angriffsfläche genutzt werden. In diesem Bilderbuch schildert der Autor De Kinder wie ein Junge aufgrund seiner Röte verspottet wird. Die Angriffe gehen soweit, dass man sogar von Mobbing sprechen kann. Paul schubst und macht sich über Tom lustig. Tom beißt sich auf die Lippen, schweigt und sagt nichts.

Es ist ein äußerst rührendes Bilderbuch. Gedeckte Farben dominieren, lediglich das Rot leuchtet durchgehend. Pauls scharfe Zunge wird mit einem Messer verglichen und als Sinnbild erscheint ein rot-leuchtender Wolf mit scharfen Zähnen. Der Leser spürt die ausgehende Bedrohung hautnah. Tom wird dafür immer kleiner und kleiner dargestellt. Es braucht Mut, um sich gegen diese Ungerechtigkeit zu stellen. Und es ist schön zu sehen, dass manche diese Portion Mut aufbringen können und sich für Schwächere einsetzen. Kinder, die sich in der Gemeinschaft wohl und sicher fühlen, die Anerkennung erfahren, werden zu selbstbewussten Individuen. Daran knüpft dieses lehrreiche Bilderbuch an und zeigt wie wichtig gegenseitige Hilfe und ein fairer Umgang miteinander ist.

Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die subtile Anspielung auf Pauls veränderte Stellung in der Gemeinschaft. Paul wechselt schlussendlich auch die Gesichtsfarbe:
Er wird ganz grün.
Grün, das ist auch eine Farbe.
Der Verlag stellt in Kürze für Lehrpersonen ein Download mit Begleitmaterialien bereit, passend zum Buch rund um das Thema Mobbing.
Tomatenrot oder Mobben macht traurig

Material

Innerhalb von Gruppen gelten bestimmte Normen, die angeben, ob jemand dazugehört oder ausgegrenzt wird. Das dient der Sicherung der Gruppenidentität. Kinder, die nicht akzeptiert werden, werden im schlimmsten Fall mutwillig geärgert oder aktiv gemobbt. Durch dieses Arbeitsblatt sollen Kinder ein ärgerndes Verhalten erkennen und über Möglichkeiten nachdenken, für sich selbst und für andere einzutreten. Sehr gerne dürfen die Spielszenen in der Kleingruppe auch nachgespielt werden.

Für sich und für andere eintreten

zum Download bitte auf das Bild klicken

Ein Bilderbuch über Mobbing, Angst, Gemeinschaft, gegenseitige Untersützung und Vertrauen.

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Mira Lobe und Susi Weigel – Bimbulli

Mira Lobe - Bimbulli

Annerl und Peter spielen Mutter-Vater-Kind. Für die Rolle des Kindes nähen sie kurzerhand aus einem „Fetzerl“ einen „Bimbulli“. Da dem Puppenkind ein Wagerl fehlt, wird auch dieses aus einer Knopfschachtel, Haarnadeln und zwei Knöpfen für Räder gebastelt. Beim Versteckspielen kommt das Bimbulli abhanden und erlebt nun seine eigenen Abenteuer. Nach der Begegnung mit der freundlichen Henne verspricht Bimbulli gut auf Prinz Küken aufzupassen. Doch schon bald kommt Regen auf und da beide nicht nass werden würfen, fragen sie einen Frosch, ob er ihnen nicht Unterschlupf gewähren kann. Dieser ist zuerst gar nicht so über den Besuch erfreut und als dann noch mehr Tiere Schutz suchen, reagiert er zornig. Doch die Tiere können sich schließlich auf die Gutmütigkeit des Frosches verlassen und rücken immer mehr zusammen. Doch das Wasser steigt und steigt… Werden die Freunde es sicher an Land schaffen?
Das erstmals im Jahre 1964 erschienene Bilderbuch der Erfolgsautorin Mira Lobe, die u.a. für den weltbekannten Kinderbuchklassiker „Das kleine Ich bin ich“ bekannt ist, thematisiert die Bedeutung des Zusammenhalts in einer Gemeinschaft. Die Illustratorin Susi Weigel hätte am 29. Januar 2014 ihren 100. Geburtstag gefeiert. Im Team mit Mira Lobe haben sie gemeinsam an die 40 Kinderbücher geschaffen. Die Illustrationen wechseln sich hier in ihrer Farbgebung stets ab. Neben schwarz-weiß Abbildungen tauchen auf jeder zweiten Seite farbige, großflächige Darstellungen auf.
„Bimbulli“ ist unternehmungslustig und fungiert als Wertevermittler in der Fantasiewelt von Kindern. Pädagogisch wertvoll und immer noch aktuell ist die kreative Erschaffung der Puppe aus einem Stoffstück von den Kindern. Aus einfachen Mitteln wird beispielhaft gezeigt, wie aus einem Stück Stoff und ein bisschen Watte ein Puppenkind gemacht werden kann. Passend dazu findet sich im Buch eine genaue Anleitung für das Nähen eines eigenen „Bimbulli“.
bimbulli
Durch Bimbulli wird der grantige und missmutige Frosch nett und freundlich. Diese Abenteuerreise zeigt, dass Egoismus nicht siegen kann und man es mit Gemeinschaftssinn schlussendlich weiter bringt. Man kommt nicht umhin das kleine „Etwas“ mit dem tollen Namen „Bimbulli“ ins Herz zu schließen. Das Such-Wimmelbild macht den Kindern am meisten Spaß (siehe Bild unten). Wo versteckt sich bloß das Bimbulli? Hier darf man sich in den tollen Illustrationen von Susi Weigel verlieren und die nostalgische Note genießen.
Bimbulli
Dieses Bilderbuch ist ein zeitloser Klassiker und schließt Kreativität, Fantasie, Gemeinschaftssinn und Freundschaft ein.

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Kai Lüftner und Katja Gehrmann – Für immer

für immer

Der kleine Egon ist seiner eigenen Aussage nach ein „Zurückgebliebener“. Denn zurück bleiben die, die jemanden verloren haben. Egon hat seinen Vater verloren. Für immer. Wie lange ist für immer? Ewig!

Die Menschen um ihn herum verhalten sich auf einmal ganz komisch. Da sind die Flüsterer, die Grinser und die Sprachlosen. Egon mag sie alle nicht. Es ist eben schwer über den Tod zu sprechen. Doch Egon trägt immer ein kleines Stück von seinem Vater im Herzen. Er ist immer bei ihm. Für immer.

Dieses Buch wartet seit Monaten auf meine Rezension. Warum? Ganz einfach, weil ich fürchte der Schönheit dieses Buch mit meinen Worten nicht gerecht werden zu können.

Kai Lüftner stellt die äußerst schmerzhafte Irreversibilität des Todes in einer rührenden und poetischen Weise dar. Kinder können das Konzept des „Nie-wieder-kommens“ ab vier Jahren bereits relativ gut auf Tiere anwenden. Bezogen auf Personen gehen sie in dieser Entwicklungsphase aber noch davon aus, dass bestimmte Personengruppen wie z.B. die Eltern vom Tod ausgenommen sind. Erst ab sieben Jahren gelingt die Ausweitung auf alle Personen um einen herum. Bilderbücher stellen somit eine unschätzbare Hilfestellung in Bezug auf die Thematisierung des Phänomens Tod  dar.

„Für immer“ findet eine eigene Sprache, um das Unfassbare, Unerträgliche zu gestalten. Kai Lüftner schafft den notwendigen Raum, der zur Trauerbewältigung nötig ist, und schließt dabei Angst, Verlassenheit, aber auch Trost und die Sehnsucht nach der Zukunft mit ein. Dem dramatischen Verlust sind Ruhe und Kraft entgegengesetzt.

Durch eine kleine Rückblende sehen wir Egon im Zimmer seines kranken Vaters und können beobachten wie er dort seinen roten Drachen, der ihn durch das ganze Buch begleiten wird, baut. Sein Vater hilft ihm dabei und deutet mit einer Säge und einem Holzstiel bereits das Kreuzzeichen, seinen eigenen unvermeidlichen Tod, an.

Es gibt keine Tabletten gegen das „Für immer“.

Der Schmerz ist unendlich groß. Doch wie lange ist überhaupt „für immer“? Egon beginnt sein Zeitverständnis mit für ihn relevanten Zeitspannen zu vergleichen. Diese Seite ist für mich einfach herzzerreißend: Ein hilfesuchender kleiner Junge im endlosen Labyrinth mit der schmerzlichen Erkenntnis – Für immer ist ewig!

Die drei Gruppierungen der Menschen um Egon herum sind ebenfalls grandios realistisch dem wirklichen Leben entnommen. Die einen versuchen die Tragik mit Witzen zu überspielen, die anderen flüstern über den kleinen Egon in der Annahme er würde es nicht wahrnehmen. Die Mehrheit jedoch schweigt einfach, weil das Unfassbare auch für sie nicht wirklich greifbar ist.

Kai Lüftner findet kindgerechte tröstende Worte, verpackt in kurze Sätze, um das Unfassbare für Kinder verständlich zu bündeln. Die letzte Seite ist schließlich das i-Tüpfelchen. Hier bleibt garantiert kein Auge trocken. Doch auch das „Weinen“ gehört zur Trauerbewältigung. Und es ist ermutigend zu sehen, dass die Schnur des roten Drachens auf der letzten Seite länger wird, auch wenn das Loslassen seine Zeit brauchen wird …

Kai Lüftner Für immer

„Für immer“ findet eine eigene Sprache, um das Unfassbare und Unerträgliche zu gestalten.

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Davide Cali und Maurizio A.C. Quarello – Kleiner Inuit

Kleiner Inuit

Die Schatten von morgen hinterlassen keine Spuren im Schnee.

Kleiner Inuit möchte unbedingt wissen, ob er eines Tages ein großer Jäger sein wird. Dafür befragt er den Hasen, denn schließlich hat er große Ohren. Der Hase kann dem Jungen keine Antwort geben und verweist ihn an den Fuchs mit der wirklich guten Spürnase. Nachdem der Fuchs, die Schneeeule und auch das Walross dem Jungen nicht sagen konnten, ob aus ihm ein großer Jäger wird, bringt ihn der Wal zu einer kleinen Insel. Hier wohnt der Weise der Zeit, ein weißer Elch, der dem Kleinen Inuit einen lebensklugen Blick in die Zukunft gewährt.

Bereits auf dem ersten Bild begegnen wir dem jungen Protagonisten und seinem Begleiter, deren Schatten ein Fragezeichen auf dem schneebedeckten Untergrund malen. Der italienische  Illustrator Maurizio Quarello schafft es mit seinen ruhigen und malerischen Winterlandschaften sowohl die Entschlossenheit als auch die Herausforderungen des Lebens, gespiegelt in den übergroßen Dimensionen eines Wals, einzufangen.

Der Blick in die Zukunft, den der weise Elch dem Jungen gewährt, zeigt zehn unterschiedliche Inuits. Und so gewinnt Kleiner Inuit die Erkenntnis, dass er selbst für seine Zukunft verantwortlich ist, gleich dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Passend dazu sehen wir auf dem letzten Bild den kleinen Inuit, wie er mutig vier unterschiedliche Pfade im Schnee beschreitet und neugierig, aber auch selbstbewusst in seine Zukunft schaut.

Du bestimmst den Weg. Du gehst, wohin du willst.

Kleiner Inuit

Material

Ein Arbeitsblatt, das bereits im 1. Schuljahr ausgefüllt werden darf: „Das möchte ich werden, wenn ich groß bin“. Schön verpackt, ist es im vierten Schuljahr ein wunderbares Abschiedsgeschenk und gleichzeitig eine Erinnerung an die Selbstbestimmung!

Berufswunsch

Ein Loblied auf die Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit.

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Raymond Briggs – Was macht der Weihnachtsmann im Juli?

Was macht der Weihnachtsmann im Juli

Die roten Bäckchen und der Rauschebart verraten uns gleich, dass es sich um den Weihnachtsmann handelt, der uns im Matrosenshirt, einem Sonnenhut und mit einem Eis bewaffnet, entgegen lächelt. Der Weihnachtsmann befindet sich in den Sommermonaten nämlich im Urlaub!

In Frankreich bedient er sich sämtlicher Klischees, verkleidet sich als angeblich typischer Franzose und klemmt sich ein Baguette unter den Arm. Da ihm das französische Essen nicht bekommt, reist er weiter nach Schottland. Hier muss er sich erst einmal an das regnerische Wetter gewöhnen, doch die schottische Musik aus dem Dudelsack macht alles wett. Und doch sehnt sich der Weihnachtsmann nach etwas wärmeren Gefilden und beschließt weiter nach Las Vegas zu fliegen. Ganz beeindruckt von der pompösen Herrichtung der Unterkunft, genießt der Weihnachtsmann das angenehme Badewetter und lässt es sich im Casino gut gehen. Als das Geld alle wird, ist es für den Weihnachtsmann Zeit mit seinen Rentieren nach Hause zu fahren, wo ihn ein Haufen von Wunschzetteln begrüßt und seine Arbeit auf ihn wartet.

Der urlaubsreife Weihnachtsmann freut sich nach der anstrengenden Weihnachtszeit auf seine wohlverdiente Erholungsreise. Mit einer oft mürrisch untermauerten Miene schimpft er über die Kälte der winterlichen Jahreszeit und hat auch in den Urlaubsländern hier und da etwas auszusetzen.

Die in Comicform gehaltenen Illustrationen von Raymond Briggs bedienen jegliche ländertypische Klischees. Der Restaurantbesuch in Frankreich ist zumindest für Erwachsene sehr unterhaltsam. Seine Sprachversuche entlocken den Lesern, die zumindest einige Brocken Französisch verstehen, so manches schmunzelnde „Ah ja!“. Für Kinder ohne Französischkenntnisse wird es schwierig der Geschichte zu folgen. Daher empfehle ich das Buch eher für Kinder ab 8 Jahren, die Comics lieben und den Weihnachtsmann einmal ganz menschlich erleben möchten.

Was macht der Weihnachtsmann im Juli

Eine mit schwarzem Humor angehauchte Weihnachtsgeschichte für all diejenigen, die dem stressigen Weihnachtstrubel entfliehen oder den Weihnachtsmann mit all seinen Schwächen erleben möchten.

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Heidi Trpak und Laura Momo Aufderhaar – Gerda Gelse

Gerda Gelse

Gerda Gelse ist eine Stechmücke und weiht uns hochpersönlich in das Leben einer Gelse (österreichisch für Mücke) ein. Aus der Ich-Erzähl-Perspektive erfahren wir wie alt eine Mücke werden kann, wie viel sie wiegt, wovon sie sich ernährt, wie die Paarung und die anschließende Eierablage aussieht und wer ihre Feinde sind.

Auf dem mitgelieferten Plakat wird die Technik des Pflanzendrucks Schritt-für-Schritt erläutert. Die im Buch enthaltenen Illustrationen wurden schließlich mit echten Pflanzen und Blättern abgedruckt. Der Abdruck einer Ahornfrucht kann somit zum grazilen Körper einer Stechmücke oder zu ihren Flügeln werden. Wer es selbst ausprobieren möchte, hat hier eine sehr anschauliche Anleitung …

Ein wahrliches Bücherliebhaber-Exemplar liegt hier vor. Die von der Kindergartenpädagogin präsentierten Informationen über ein ganz und gar nicht lästiges Insekt, sondern eine schon fast symphatische Gelse, sind leicht verständlich und mit kindgerechten Vergleichen geschmückt. So sehen wir nicht nur die Popos von Larven, wie sie aus dem Wasser ragen, sondern auch eine witzige Zeichnung eines Kindes, wie es dasselbe ausprobiert.

Die außergewöhnlichen Illustrationen in der Technik des Pflanzendrucks und die sehr zurückhaltenden, vorrangig in Blau- und Grüntönen gehaltenen Farbflächen geben den winzigen Protagonisten viel Freiraum und Präsentierfläche. Auf dem Vorsatzpapier wurden liebevoll die unterschiedlichsten Bezeichnungen für eine Gelse in 35 Sprachen gesammelt. Hier ist es ganz spannend Ähnlichkeiten und Abwandlungen zu entdecken.

Liebevoller hätte man ein Sachbilderbuch mit allgemeinen Weisheiten über Stechmücken nicht gestalten können. Und so formuliert auch Gerda Gelse ihr Schlusswort in einer Liebeserklärung:

Denn ihr Menschen und wir sind ein super Team! Ich liebe euch alle!

Gerda Gelse

Material

Zur Unterrichtseinheit „Insekten“ kann dieses Sachbilderbuch eine Sternchen-Station darstellen, indem nach dem aufmerksamen Lesen das dazu passende Arbeitsblatt bearbeitet werden soll. Hier in Form eines Steckbriefs über eine Stechmücke:

Steckbrief_Stechmücke

Dieses Sachbilderbuch besticht durch außergewöhnliche Illustrationen und kindgerechte Sachinformationen.

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