Lorenz Pauli und Kathrin Schärer – Das Beste überhaupt: Meerschwein sein

Das beste überhaupt: Meerschwein sein

Miro, ein kleines Meerschweinchen, bricht zum jährlichen Wahlfest des „besten Meerschweins überhaupt“ auf. Während seine Freunde auf dem langen Weg zum Gewinnerstein ihre Talente unter Beweis stellen, fühlt sich Miro pudelwohl einfach mittendrin zu sein. Andere Meerschweinchen versuchen sich zu übertreffen und zeigen ihre Schnelligkeit, Klugheit, und ihren Mut, was Miro hin und wieder auch als schiere Dummheit abtun könnte.
Das amtierende und äußerst gelangweilte Meerschwein hört sich die Geschichten der besonderen Taten jedes Einzelnen an. Als Miro an der Reihe ist, berichtet er,  dass er nur mittendrin war und eigentlich nichts Besonderes kann. Er hat geholfen und war einfach nur dabei, mittendrin in der Gemeinschaft der Meerschweinchen.

So ganz objektiv kann ich dieses Bilderbuch nicht besprechen. Ich bin ein Fan. Ein Fan von diesem traumhaften Erfolgsduo „Pauli & Schärer“. Und das seit der Veröffentlichung des herausragenden Bilderbuchs „mutig, mutig“. Auch dieses Bilderbuch haut mich um.

Kathrin Schärer schafft es mit ihren nüchternen, nicht allzu verschnörkelten oder nahezu comicartigen Illustrationen, eine Verbindung zwischen den ernstzunehmenden Protagonisten und dem Leser zu schaffen. Die Symbiose aus erdigfarbenen Naturtönen, Collageelemente und subtilen Bleistiftzeichnungen ergibt ein stimmiges Bild, in das man sich einfach nur verlieren möchte.

Lorenz Pauli füttert das Bilderbuch mit sinnvoller Botschaft über den Wert des Mittelmaßes. Das Streben nach ganz oben wird einmal reflektiert betrachtet. Miro ist ein Gegenbeweis – ein äußerst wichtiges Bindeglied für eine funktionierende Gemeinschaft:

Er tut, was er kann. Und so gut er es kann.

Das Bilderbuch ist eine sehr erfrischende Abwechslung gegen das „Ellenbogendenken“ und „sich-in-den-Vordergrund-Drängens“. Die zur Botschaft des Buches unpassende Kürung von Miro zum „Besten überhaupt“ ist leider pädagogisch betrachtet ein bisschen ungünstig. So erscheint es am Ende doch so, als würde Miro sich über dieses Krönchen freuen und als wäre es etwas Erstrebenswertes auf dem Gewinnerstein ein ganzes Jahr lang auszuharren. Zum Glück bleibt sich Miro treu und unterstreicht sein Bestreben nach einem Leben „mittendrin“.

Auf der Abschlussseite sehen wir an die 50 Meerschweinchen in Braun-Grau-Tönen und Miro ist mittendrin. Doch wo ist er? Das ist schwer zu erraten! Alle sind zwar unterschiedlich, doch Miro können wir auch nach längerem Betrachten nicht ausmachen. Und hier kommt die beste Formulierung der bedeutsamen Botschaft dieses Bilderbuchs:

Ich weiß nicht, welches Meerschwein Miro ist. Aber Miro weiß, wer er ist.

Miro hat nach der langen Wanderung zu sich selbst gefunden. Er ist JEMAND.

Das beste überhaupt: Meerschwein sein

Mein persönliches Highlight zum Thema „Selbstfindung“ in Verbindung mit Achtsamkeit und Zusammenhalt in der Gemeinschaft.

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Davide Cali und Maurizio A.C. Quarello – Kleiner Inuit

Kleiner Inuit

Die Schatten von morgen hinterlassen keine Spuren im Schnee.

Kleiner Inuit möchte unbedingt wissen, ob er eines Tages ein großer Jäger sein wird. Dafür befragt er den Hasen, denn schließlich hat er große Ohren. Der Hase kann dem Jungen keine Antwort geben und verweist ihn an den Fuchs mit der wirklich guten Spürnase. Nachdem der Fuchs, die Schneeeule und auch das Walross dem Jungen nicht sagen konnten, ob aus ihm ein großer Jäger wird, bringt ihn der Wal zu einer kleinen Insel. Hier wohnt der Weise der Zeit, ein weißer Elch, der dem Kleinen Inuit einen lebensklugen Blick in die Zukunft gewährt.

Bereits auf dem ersten Bild begegnen wir dem jungen Protagonisten und seinem Begleiter, deren Schatten ein Fragezeichen auf dem schneebedeckten Untergrund malen. Der italienische  Illustrator Maurizio Quarello schafft es mit seinen ruhigen und malerischen Winterlandschaften sowohl die Entschlossenheit als auch die Herausforderungen des Lebens, gespiegelt in den übergroßen Dimensionen eines Wals, einzufangen.

Der Blick in die Zukunft, den der weise Elch dem Jungen gewährt, zeigt zehn unterschiedliche Inuits. Und so gewinnt Kleiner Inuit die Erkenntnis, dass er selbst für seine Zukunft verantwortlich ist, gleich dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Passend dazu sehen wir auf dem letzten Bild den kleinen Inuit, wie er mutig vier unterschiedliche Pfade im Schnee beschreitet und neugierig, aber auch selbstbewusst in seine Zukunft schaut.

Du bestimmst den Weg. Du gehst, wohin du willst.

Kleiner Inuit

Material

Ein Arbeitsblatt, das bereits im 1. Schuljahr ausgefüllt werden darf: „Das möchte ich werden, wenn ich groß bin“. Schön verpackt, ist es im vierten Schuljahr ein wunderbares Abschiedsgeschenk und gleichzeitig eine Erinnerung an die Selbstbestimmung!

Berufswunsch

Ein Loblied auf die Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit.

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Meike Teichmann – Passt das?

Der kleine Pinguin Anton begibt sich mit seinem Koffer auf Wanderschaft. Dabei trifft er auf unterschiedlichste Tiere. Stets sucht er eine Art, zu der er passt. Bei den Giraffen angekommen, stellt er sich auf aus dem Koffer heraus gezauberte Stelzen auf und hängt sich einen orange gepunkteten Umhang um, nur um ein wenig später zu erkennen, dass es doch nicht passt. Eine lange Socke auf die Nase zu hängen, hilft auch nicht, um als Elefant anerkannt zu werden. Wird Anton seine Artgenossen jemals finden?

Der äußerst naive und doch auch sehr liebenswürdige kleine Pinguin Anton erobert bereits von ersten Seite an alle Leserherzen! Er ist auf der Suche nach Freundschaft, Gleichgesinnten und damit verbunden Akzeptanz. Mit etlichen Hilfsmitteln versucht er sich anzupassen und muss dann letztlich doch feststellen, dass diese Verkleidungen ihm nicht das erwünschte Zugehörigkeitsgefühl bescherren. Die Suche nach der eigenen Identität ist ein Prozess und bedarf daher einiger Stationen, die es zunächst zu durchlaufen gilt. Antons Ideenreichtum sich den unterschiedlichen Tieren anzupassen, treibt einem beim Betrachten die Tränen in die Augen, und zwar vor Lachen! Die Herausarbeitung der besonderen Eigenschaften der Tiere ist einfach wundervoll gelungen und auch die Hilfsmittel sind sehr schön gewählt.

Dieses Bilderbuch eignet sich besonders gut für den unterrichtlichen Einsatz. Die SuS könnten eigene Tiere wählen, die Anton auf seiner Wanderschaft trifft und sich überlegen mit welchen Hilfsmitteln er sich anpassen könnte. Ein selbst einstudiertes Theaterstück wäre die perfekte Präsentationsmethode.

Der warme Hintergrund der Illustrationen unterstreicht die kraftvollen Begegnungen und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die jeweiligen Akteure. Eigentlich benötigt dieses Bilderbuch keine Worte, denn die Bilder sprechen eine eindeutige Sprache. Die Erkenntnis, dass man sich bei den „richtigen“ Freunden oder der Familie nicht zu verkleiden bzw. verstellen braucht, ist auf der letzten Seite sehr rührend eingefangen und bildet den krönenden Abschluss dieser tollen Geschichte.

Dieses Bilderbuch über Selbstfindung und Akzeptanz zaubert jedem Leser, nicht zuletzt wegen der wundervollen Illustrationen, ein glückliches Lächeln ins Gesicht!
Dies ist mein „Buch des Monats“!

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Mira Lobe – Das kleine Ich bin ich

Ein buntes Tier geht auf einer Blumenwiese spazieren und begegnet einem Laubfrosch, der ganz verwundert fragt, wer er eigentlich sei? Das bunte Etwas muss feststellen, dass es selbst gar nicht weiß welches Tier es ist und wird daraufhin vom Frosch als dumm bezeichnet. Auf seiner weiteren Reise trifft es verschiedenste Tiere, die nach genauer Betrachtung keine Ähnlichkeiten zu sich selbst erkennen können. Voller Verzweiflung und Enttäuschung ist das Tier den Tränen nahe und fragt sich, ob es am Ende denn gar nichts ist. Doch dann ruft es ganz laut zu sich: „Sicherlich gibt es mich! Ich bin ich!“

Mira Lobe hat mit diesem Bilderbuch einen Klassiker zur Thematik Förderung des Selbstwerts und der Selbstakzeptanz geschaffen. Auch der Umgang mit Unsicherheiten durch negative Rückmeldungen der Mitmenschen steht im Fokus.  Der Klassiker feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiliäum und erscheint in einer Jubiläumsausgabe mit Audio-CD. Florian Boesch liest die Geschichte gekonnt vor und imitiert die unterschiedlichen Tierarten sehr wirkungsvoll. Auf den insgesamt 21 Tracks werden die kurzen Texte durch Liedmelodien unterbrochen und von einem Chor mit einem passenden Lied zur ersten Textpassage auf das Buch eingestimmt.

Die sehr gelungene Reimform vereinfacht das rhythmische Vortragen und die auf der Innenseite des Buches beigefügte Bastelanleitung ermöglicht die Herstellung eines Symbols für die Selbstfindung, die die Kinder auch tatsächlich mit nach Hause nehmen können.

Die Bilderbuchseiten wechseln sich mit farbigen und schwarz-weiß Illustrationen ab. Die bunten Seiten sind natürlich für Kinder viel attraktiver und eindrucksvoller. Hier würde man sich wünschen alle Seiten in bunter Gestaltung vorzufinden, um der Magie, die dieses Buch mit sich bringt, nichts an ihrer Faszination zu entziehen.

Wir sind alle einzigartig und das ist auch gut so.

 

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Nils Mohl – Es war einmal Indianerland

„Ein Gewinner hat einen Plan, ein Verlierer hat immer eine Ausrede.“

„Ich brauche ein Auto, ich brauche Geld, ich brauche Schlaf. Was ich habe, sind eine Mütze, noch fünf Tage Sommerferien, die Bohrmaschine von Edda.“

Für Mohls Roman gilt, was auch schon für seine preisgekrönte Kurzgeschichten galt: Prosa, deren Skurrilität und deren schnelle Schnitte an Filme wie „Short Cuts“ oder „Pulp Fiction“ erinnern. (Hamburger Abendblatt)

Der Protagonist ist 17 Jahre, wohnt in einem Hochhaus am Stadtrand. In seiner Freizeit boxt er.  Die Zukunft sieht für ihn nicht unbedingt rosig aus. Der Vater seines guten Freundes erwürgt seine Lebensgefährtin und wird seitdem von der Polizei verfolgt.  Dann wären da noch Jackie und Edda. In Jackie hat sich der namenlose Erzähler Hals über Kopf verliebt, als er sie zum ersten Mal im Freibad gesehen hat. Sie scheint Gefallen daran zu finden, sodass das Katz-und-Maus-Spiel nun beginnen darf. Dann ist da noch Edda, die nebenher in einer Videothek jobbt. Sie hat ein Auge auf den Protagonisten geworfen und stelt ihm seithe ständig nach. Er weiß jedoch nicht so recht wie er damit umgehen soll. Und dann ist da noch der Indianer mit der Adlerfederkrone, der den Erzähler ständig verfolgt, er ihn aber nie fassen kann. Auf dem Festival kommt das Durcheinander zu einem Höhepunkt und es geht wirklich alles drunter und drüber. Die Krönung ist dann das alles zerstörende Gewitter, welches aber auch einen Neuanfang bedeuten könnte …
Das Leben eines Erwachsenen hat so seine Tücken.

Ich bin ehrlich gesagt kein Fan des Titelblattes, es fängt aber ganz gut die Situation des Erzählers ein. Er ist eingeengt in seiner Hochhaussiedlung, hat nur wenig Perspektive und versucht sich dennoch aus seinen Zwängen zu befreien und das eigene Ich zu finden. So chaotisch wie die Geschichte an sich ist, ist auch ihre Gestaltung. Nils Mohl spult in seiner Erzählung hin und her: Mal befindet man sich als Leser 12 Tage vor den Ferien, dann wieder 10 und dann aber auch 11, oder 9 oder gar 5.  Also wirklich leserfreundlich ist das Ganze nicht, zum Teil wusste ich gar nicht mehr was wirklich vorher geschah oder danach, das raubte mir so manches Mal die Lust weiter zu lesen, denn es ist wirklich anstrengend. Da hat mir auch der Kalender, der der Geschichte vorangestellt ist und die wichtigsten Ereignisse zusammenfasst, nicht weitergeholfen. Das Ganze hat aber auch seinen Reiz und ist innovativ und spiegelt die Situation der Jugendlichen sehr gut wider. Sie befinden sich nämlich in einem Selbstfindungsprozess und da geht es schließlich ja auch wie auf der Achterbahn zu.

Das Buch stimmt nachdenklich, die Geschichte skurril und die Erzählweise „anders“, aber nicht unbedingt schlecht.