Ebi Naumann und Heike Herold – Das rote Ding

Rezension

Dieses Bilderbuch gehört zugegeben zu meinen persönlichen Highlights im Jahr 2019. „Das rote Ding“ feiert die menschliche Fantasie, wohlwissend dass sie auf Vorerfahrungen, Wünschen und Hoffnungen basiert. Es überzeugt durch zarte Illustrationen und einer vielschichtigen Sensibilität in der thematischen Umsetzung.

Der Betrachter sieht stets ein ähnliches Szenarium. Am Flussufer entdeckt die Protagonistin „ein rotes Ding“ und mutmaßt, was es sein könnte. Dicht unter der Wasseroberfläche treibt das rote Etwas und das Mädchen zeigt es allen, die vorbeikommen. Damit beginnt das Rätselraten und nimmt auch vom Format und Aufbau der Doppelseiten viel Raum ein. Der Fantasie und Vorstellungskraft wird viel Platz und damit auch ein erhebliches Maß an Bedeutung zugestanden.

Nanu! Da schwimmt was – rot und klein.
Sieht aus wie `n Ball! Nein, warte mal.
Könnt`es nicht riesengroß auch sein?
Ich wünschte mir, es wär ein …

Der Vierzeiler ist auf jeder Doppelseite als Kreuzreim formuliert. Beim Rätselraten helfen die Bilder, auch wenn hin und wieder Kinder nicht gleich auf das richtige Wort kommen. Glücklicherweise gibt es keine Auflösung auf der darauffolgenden Seite. Denn darauf kommt es in diesem Buch auch nicht an. Es zählt alleine der Türöffner „Fantasie“, eine Fähigkeit die Inhalte zu neuen Vorstellungen zu verknüpfen und sich dies in Gedanken auszumalen.

Jeder sieht etwas anderes in das schwimmende rote Ding hinein und verrät dadurch auch immer etwas über sich. Der Gärtner ist sich sicher, dass es sich um eine Blüte handeln muss, während spielende Kinder voller Überzeugung meinen, dass es nur ein Drache sein kann. Das Rätsel bleibt bis zum Ende ungelöst.

Es überrascht mich keineswegs, dass Heike Herold mit dem fantasievollen Ratespiel-Bilderbuch 2016 auch die Jury des Troisdorfer Bilderbuchstipendiums beeindruckt hat. Passend dazu findet sich subtil der Ausspruch „Ignoramus et ignorabimus“ des Physiologen Emil Heinrich Du Bois-Reymond auf einem Sockel eingraviert, der als Ausdruck der Skepsis gegenüber den Erklärungsansprüchen der Naturwissenschaften bekannt geworden ist und nichts anders meint als: „Wir wissen es nicht und werden es auch nie wissen“.

Blick ins Buch

 

 

Unweigerlich musste ich an den roten Punkt von Paul Klee denken. Bei dieser Unterrichtseinheit wird das Bildelement des roten Punktes  in einen neuen Zusammenhang eingebettet. Damit kann das Versteckspiel und auch die Suchreise nach dem roten Punkt beginnen. Eindrücke von möglichen Schülerarbeiten finden sich auf der Seite von „Kunstgalerie: Der rote Hahn“.

Doch was wäre passender als Kindern die Gelegenheit zu geben, die Hälfte ihres treibenden roten Dings selbst zu vervollständigen? Ich bin mir sicher, dass man viel über den Menschen, seine Träume, Wünsche und Fantasien erfährt.

Bild: papillionisliest.wordpress.com

Fazit

Willkommen in der Welt der fabelhaften Fantasie!

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Nicola Davies und Laura Carlin – Himmelskönig

Der namenlose Junge in dieser Geschichte ist fremd in England. Niemand spricht Italienisch, die Sonne scheint viel weniger und das Vanilleeis schmeckt ganz anders. Er hat Sehnsucht nach seiner Heimat. Lediglich die Tauben aus Mr. Evans Taubenschlag erinnern ihn an sein Zuhause. Das Gurren ist ihm vertraut. Der Protagonist beginnt regelmäßig im Taubenschlag auszuhelfen und gewinnt Hoffnung und Vertrauen durch seine Taube “Himmelskönig”, die als beste Brieftaube das große Wettfliegen von mehr als 1.500 km für sich behaupten soll.

Rezension

In diesem Bilderbuch schwingt Unsicherheit, Einsamkeit, Schmerz aber auch Hoffnung und Zuversicht mit. Es geht um das Gefühl seine Heimat zu verlassen und die Fähigkeit sich in einer anderen Kultur und einem neuen Land zurecht zu finden. So wie der Junge „seinen“ Weg sucht, sucht auch die Taube als Verbildlichung seines seelischen Zustandes, im Wettfliegen den Weg zum eigentlichen Zuhause. Es geht um das Suchen und das Finden.

Auch wenn die Taube mehrere Tage brauchte und sich durch Wind und Regen kämpfen musste, ist sie letztendlich angekommen. Der Ausgang der Geschichte ist mehrdeutig. Auch wenn der Junge für sich beschlossen hat, dass er  nun „endlich wusste, wo er zu Hause war“, ist dem Leser unklar, ob er seine ursprüngliche Heimat  oder seine neue Heimat meint. Vielleicht ist es aber auch einfach das Fleckchen im Herzen, das ihm nun Ruhe gibt, weil er sich gar nicht entscheiden muss.

Die Illustrationen schildern wunderbar die innerliche Zerrissenheit des Jungen. Es finden sich viele Weißstellen und schemenhafte Darstellungen auf den Seiten. Die Gebäude und Personen sind oft verschwommen oder umrissartig angedeutet. Dunkel- und Helligkeit wechseln sich ab. Es herrscht Distanz und Nähe, Liebe und Angst, Abgrenzung und Akzeptanz.

Blick ins Buch

Fazit

Ein tiefsinniges Bilderbuch für alle Menschen dieser Welt – nicht nur Migranten.

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Andreas Steinhöfel und Sabine Wilharm – Glücksstadt

Glücksstadt

Lena bekommt von K. Postkarten, die sich auf eine verrückte und aufregende Reise in die Glücksstadt gemacht hat. In einer Teekanne schwebend, berichtet K. von dem einengenden Gefühl ihres Heimatorts und ihrer Sehnsucht nach Träumen. Ansatzweise wird der verrückte Posseck und sein schweres Schicksal skizziert. Bruchstückhaft schildert K.  die sonderbaren Wesen und Sinnbilder des Glücks, wie z.B. die japanische Winke-Katze, das vierblättrige Kleeblatt oder die rosigen Glücksschweine.

Doch was ist Glück überhaupt? K. kommt letztlich zu dem Entschluss, dass das Leben eine große Reise ist und die Zukunft uns grundsätzlich rosig blüht, auch wenn nichts für immer ist.

Dieses philosophische Bilderbuch ist ein Erwachsenenbuch mit vielen tiefgründigen Einsprengseln, die den Leser zum Nachdenken bringen. Als Textform wurden ausschließlich Postkartentexte berücksichtigt, sodass der Leser weder von der namenlosen Absenderin, noch von der Empfängerin nähere Informationen erhält. Es ist eine Aneinanderreihung an Briefen, die während der Reise in die Glücksstadt geschrieben werden. In dieser Entwicklung, kann der Leser eine Wandlung im Gemüt der Absenderin wahrnehmen. Von der anfänglichen Unruhe und den symbolisch ausgestreckten Fühlern, kommt recht bald die Erkenntnis: „Und ohne es zu bemerken, war ich am glücklichsten immer dann, während ich suchte.“

Die Briefe sind gespickt mit verschachtelten Sätzen, die sehr gut die innere Zerrissenheit der Protagonisten verdeutlichen. Wortneuschöpfungen wie „Dottergelbigkeit“ und die Einbindung vom anspruchsvollen Wortmaterial wie „behäbig“ oder „Quertreiber“ erschweren das Verständnis erheblich für jüngere Leser. Durch das fast vollständige Fehlen des Kontextes, ist eine breite Interpretationsebene gegeben.

Die Illustrationen von Sabine Wilharm laden in diese durcheinander gewirbelte Fantasiewelt ein. Es ist eindeutig eine chaotische Unruhe und gleichzeitig aber auch Neugierde zu erkennen. Allen Bildern wohnt jedoch ein Zauber inne, der die Symbolhaftigkeit des Glücks streichelt.

Glücksstadt
weiterarbeit
Der Inhalt der Briefe wird für Kinder schwer zu fassen sein. Der Fokus kann jedoch auf die Briefform gelegt werden. Einzelne Forscherkinder können sich auf die Suche nach innovativen und abwechslungsreichen Anredeformen und verspielten Abschlussworten machen. Das Zusammentragen wird sicherlich sehr amüsant und erweitert zugleich den Sprachschatz.
Ein Bilderbuch für Erwachsene, die sich näher mit dem Thema Glück beschäftigen wollen.

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Nicola Davies und Mark Hearld – Mein erstes großes Buch von der Natur

Mein erstes großes Buch von der Natur

Im Frühjahr streckt sich der Löwenzahn der Sonne entgegen und die Vögel bauen eifrig ihre Nester. Im Sommer sammeln die fleißigen Bienen Blütenstaub und der wolkenlose, blaue Himmel lädt zum Staunen und Träumen ein. Während im Herbst nach dem ersten Frost die Spinnennetze glitzern, bereiten sich die Tiere schon bald auf den schläfrigen und trägen Winter vor. Nur um im Frühjahr die Wunder der Natur erneut zum Leben zu erwecken.

Das recht großformatige Sachbuch „Mein erstes großes Buch von der Natur“ gliedert sich nach den vier Jahreszeiten und behandelt die unterschiedlichsten, die für diese Jahreszeit typischen Phänomene in der Natur. Jede Doppelseite wird von einem literarisch anmutenden Text mit vielen sachkundigen Informationen begleitet, der die Wunder der Natur schon fast poetisch darstellt. Es wird auf das „Geräusch des Honigs“, den von Heu verströmten „Duft des Sommers“ oder die „im Wind schwankenden Weizenhalme“ hingewiesen. Praktiker dürfen sich an Tipps zur Aufbewahrung von Samen und der Herstellung vom schmackhaften Vogelfutter erfreuen.

Diesem Sachbuch wohnt ein besonderer Zauber inne. Vorrangig versprüht durch die von Mark Hearld stammenden Illustrationen. Dem schottischen Grafiker ist es gelungen die überwältigende Schönheit der Natur in bahnbrechende Bilder zu bannen. Dieses Buch fesselt. Nach dem allerersten Blick, fällt es schwer dieses Buch wieder aus der Hand zu legen. Es spinnt einen Kokon um den Betrachter und man ist mehr als gewillt in diese bezaubernde Welt einzutauchen. Dabei liegen diese Wunder direkt vor unserer Haustür. Ein wachsamer Blick wird belohnt. Es gibt viel zu entdecken und das beweist uns dieser Schatz eines Sachbuchs.

Diese gedruckten Muscheln und die collagierten Fische in ihrer vollen Farbpracht rauben mir den Atem. In all diesen Tieren und Pflanzen steckt Bewegung, Verwandlung, LEBEN.  Auf dieses Sachbuch warten noch einige Preise, ganz bestimmt!

Mein erstes großes Buch von der Natur

Ein außergewöhnliches Sachbuch, das wie ein Sog wirkt.

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