Sibylle Hoffmann und Rolf Arvi Vogt – Ach, Ottoto …

Ottoto ist anders. Er macht alles verkehrt und bringt damit alle zum Seufzen: „Ach, Ottoto …“. Bei heißen Temperaturen zieht er sich eine Wollmütze über den Kopf und schlendert mit einem Schlitten an im Wasser planschenden Kindern vorbei. Er schläft im Anorak und in Gummistiefeln und stolziert mit Stöckelschuhen in den Kindergarten. Als die Erzieherin mit ihm wieder einmal schimpft, brechen bei Ottoto alle Bahnen und er weint einen Tränensee. Wie gut, dass Maren so gerne mit Booten spielt …

 

In diesem Bilderbuch geht es um Andersartigkeit, Ausgrenzung und Freundschaft. Die Autorin schöpft die emotionale Dramatik voll aus und stellt Ottoto in sehr unterhaltsamen Situationen dar, bis die Enttäuschung seitens des Protagonisten in Frust und Verzweiflung gipfelt. Dazu verleiht Hoffmann Ottoto in ihrer einfühlsamen Geschichte eine kindliche und doch lakonische Stimmung. Als Leser hat man den kleinen Jungen mit seinen Teetassenaugen sehr schnell ins Herz geschlossen und kann die Trauer und die Enttäuschung beinahe hautnah spüren. Dabei verstärken sich Bild und Text gegenseitig, wobei die Illustrationen dem Betrachter dank der Weißflächen viel Freiraum lassen, sodass Ottotos Einsamkeit noch deutlicher in den Vordergrund rückt. Die zunehmende Isoliertheit wird von einem kleinen Mädchen mit viel Einfühlungsvermögen schließlich aufgehoben. Dabei ist besonders die Art der Kontaktaufnahme hervorzuheben, denn sie tröstet Ottoto nicht, sondern bittet ihn weiter zu weinen, damit sie gemeinsam auf seinem Tränensee mit dem Boot spielen können. Auch der Vergleich des Zustandes seiner Haare mit seiner inneren Gefühlswelt ist sehr erheiternd und setzt das i-Tüpfelchen oben drauf.

Ein tolles Plädoyer für mehr Anerkennung unterschiedlicher Individuen.

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Hiawyn Oram und David Melling – Die fürchterlich schrecklichen Drei

ALARM! FÜRCHTERLICH SCHRECKLICHER DRACHE!

Der Drache betrachtet sich im Spiegel und ist überzeugt, dass er der schrecklichste Drache der Welt ist. Alle, die ihn erblicken, werden vor Angst erstarren, da ist er sich sicher. Und da er es nicht mehr aushält, die ewig erschrockenen Gesichter seiner Nachbarn zu sehen, beschliesst er mit seinem Hund davon zu ziehen. Auf seinem Weg entdeckt er jedoch eine schreckliche Hexe und einen schrecklichen Riesen, die ebenfalls so fürchterlich schrecklich aussehen, dass sie sich zusammenschliessen und gemeinsam weiterziehen. Bei einer Picknickpause läuft ihnen die kleine schweigsame und doch sehr vernünftige Pippiline über den Weg. Diese Begegnung birgt für die fürchterlich schrecklichen Drei eine große Überraschung in sich …

Drei wundersame und äußerst amüsante Gestalten sind von ihrem angsteinflößendem Aussehen so überzeugt, dass sie die eigene Angst auf ihre Umwelt projizieren. Sie schauen in den Spiegel und sehen fürchterliche Gestalten, die nur vor Hässlichkeit strotzen. Daher sind sie ganz schön überrascht, als ein kleines Mädchen sie als „lieb“ und „süß“ bezeichnet. Von dieser unvoreingenommenen Einstellung und der daraus resultierenden Unerschrockenheit des liebenswürdigen Mädchens erstaunt, beginnen die fürchterlich schrecklichen Drei ihre Wirkung auf die Außenwelt zu überdenken.

Achtung Spoiler (zum Lesen bitte markieren): Sie schauen erneut in den Spiegel und müssen feststellen, dass sie doch nicht so schrecklich aussehen, wie früher gedacht. (Spoiler Ende)

Ein schönes Bilderbuch mit feurigen und bunten Figuren über die Selbst- und Fremdwahrnehmung der eigenen Person. Wie sehe ich mich? Wie sehen mich die anderen? Ein Bilderbuch, das viele Gesprächsanlässe bietet, u.a. darüber dass die Selbstwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung nicht übereinstimmen muss. Kinder bekommen durch die Diskussion der Thematik die Chance, ihrer Wirkung auf andere Menschen bewusster zu werden, verbunden mit der Erkenntnis darauf Einfluss  nehmen zu können, wie sie bei anderen ankommen.

Zur Persönlichkeitentwicklung kann nach dem Lesen ein Partnerinterview (…so sehe ich mich… (freundlich, ehrlich, langsam, stark, ordentlich etc.) … so sehe ich dich …) angeschlossen werden, was einem die Eigenwirkung auf andere Personen verdeutlichen kann.

Eine bedeutsame Thematik hinter schillernden und aufregenden Figuren geschickt versteckt.

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Alex Cousseau und Philippe-Henri Turin – Der kleine Drache Theodor

Gerade als die Welt nach Weltuntergang riecht, kommt ein kleiner Drache zur Welt, der ganz anders ist, als seine Zeitgenossen. Er geht in die Drachenschule und merkt schon bald, dass er sich nicht nur äußerlich von den anderen unterscheidet, sondern auch durch seine allzu blühende Fantasie. Statt Feuer zu speien und die Heft zu verbrennen, dichtet er lieber. Auch das Fliegenlernen gestaltet sich komplizierter als gedacht und so wird er von seinen Drachenfreunden ausgelacht und ausgegrenzt. Der kleine Dichter wird zum Einzelgänger und verliert sich immer mehr in seinen Dichtungen. Die Lehrerin beginnt ebenfalls  zu verzweifeln …

In diesem Bilderbuch wird die Thematik der Andersartigkeit aufgegriffen. Der kleine Drache entwickelt sich zwar im Feuerspeien recht langsam, dafür ist er im Dichten den anderen weit voraus. Doch auch seine Zeit für das Fliegen und Feuerspucken wird kommen, dafür braucht er lediglich einen kleinen Schubs und die Unterstützung von wichtigen Freunden, die  stets einen guten Rat parat haben. Das Thema Mobbing wird ebenfalls angeschnitten und den jüngeren Kindern so beispielhaft vor Augen geführt, wie man sich fühlen kann, wenn man von seinen Mitschülern ausgelacht wird. Schließlich sollte die Erkenntnis darauf hinaus laufen, dass jeder unterschiedliche Talente und Fähigkeiten hat und nicht alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe können müssen. Leider fehlt die Integration des kleinen Drachen, sodass er als Einzelgänger schließlich weiter seinen Weg sucht und die Erkenntnis bei seinen Mitschülern, keinen wegen seinem Anderssein auszugrenzen und die damit verbundene Akzeptanz, nicht in Erscheinung tritt.

Ich habe dieses Bilderbuch im ebook-Format gelesen (nein, ich werde wohl nie ein Fan davon werden), bei dem die Bilder leicht verpixelt sind, sodass ich zu der sicherlich beeindruckenden Größe des ursprünglichen DIN-A3 Formats nichts sagen kann. Die Drachen erinnern mich jedoch vom Zeichenstil an die Skulpturen der balinesischen Kunst, mit all ihren farbenfrohen und detailreichen Erscheinungen.

Nicht alle können zur gleichen Zeit und im gleichen Tempo das Gleiche lernen. Jeder braucht seine Zeit, denn wir alle haben unsere eigenen Talente, Vorlieben und besondere Fähigkeiten.

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