Ganzschriften und Klassenlektüren im Deutschunterricht der Grundschule

Mit der gesamten Klasse ein Buch zu lesen, hat seinen ganz eigenen Reiz. Geschichten wollen nämlich weiter gelebt werden. Es reicht oft nicht aus, den Inhalt zu internalisieren. Um einen noch größeren und anhaltenderen Lerneffekt zu erzielen, braucht es einen Austausch über das Gelesene. Es kann natürlich einfach nur ein subjektives Nachdenken über die Handlung sein, doch über unterschiedliche Wahrnehmungen zu diskutieren und in den Austausch zu gehen, macht es besonders greifbar und erlebbar.

Eine Anschlusskommunikation vertieft literarische Kompetenzen und kann sogar das „Wir“-Gefühl innerhalb einer Klassengemeinschaft stärken. Die Voraussetzung ist, dass die Kinder die Klassenlektüre als bedeutsam und lustvoll sehen. Das kann schnell zum Stolperstein für die Lehrkraft werden, deshalb ist eine auf die Lerngruppe abgestimmte Auswahl der Ganzschrift von erheblicher Bedeutung.

Der Umgang mit der Lektüre ist ebenfalls entscheidend, sodass neben den individuellen Lesezeiten, auch Treffpunkte fest eingeplant werden sollen, um den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit zu geben Fragen zu stellen, Lieblingsstellen vorzulesen oder sich einfach über bestimmte Handlungsstränge auszutauschen und ihre Sichtweisen zu eröffnen. Ein Lesetagebuch dient hierbei lediglich als ein Mittel den Blickwinkel der Kinder auf unterschiedliche Bereiche zu fokussieren, als ein Instrument zum Nachhalten der neuen Erkenntnisse: Ein Produkt vielleicht auch als Erinnerungsstütze.

Als Lehrkraft erlebe ich die Arbeit mit Klassentagebüchern insofern als bereichernd, weil ich beim selbstbestimmten Lesen die Möglichkeit habe, mich einzelnen Kindern zu widmen und ganz differenziert auch mal Abschnitte vorzulesen oder sie mir vorlesen zu lassen. Meine DaZ-Kinder können unbekannte Wörter erfragen, während die anderen ihrer Lesefreude in ihrem ganz eigenen Tempo nachgehen.

Das Buch „Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika“ von Oliver Scherz wurde im Rahmen einer Projektwoche gelesen. In den regelmäßigen Zusammenführungen der Klasse fielen folgende Äußerungen bzw. Diskussionsanstöße:

Der Schatten an der Wand machte mir zu Beginn etwas Angst. Das war schon unheimlich.

Ich fand es witzig, dass Abuu Marie nur mitgenommen hat, weil sie ihm sympathisch ist. Von da an habe ich  den Elefanten auch ins Herz geschlossen.

Was haben die denn eingepackt? Wissen sie nicht, was in einen Rucksack gehört, wenn man verreist?

Geht das überhaupt mit einem Elefanten auf einem Floß? Geht das nicht unter?

Abuu ist ja schlau, bläst sich auf wie ein Luftballon.

Dieser Moment als Abuus Elefantenfamilie kam…ich hatte Gänsehaut!

Haben die das alles nur geträumt? Stimmte das gar nicht?

Nach diesen Zusammenkünften entwickelten die Kinder regelmäßig eigene Ideen für ihre Wahlaufgaben, die sie in ihr Lesetagebuch integrierten. Einer beschäftigte sich mit der Kartenkunde, malte die Route der drei Reisenden ein und markierte jeweils die entsprechenden Stationen aus der Geschichte. Ein Mädchen erinnerte sich an eine Sachunterrichtstunde, in der wir Boote bauten und erprobte ein anderes Modell. Uns wurde ein selbst inszeniertes Schattenspiel vorgeführt. Zwei weitere überlegten sich ein anderes Ende des Buches und ließen das Geschwisterpaar mit Abuu noch weitere Abenteuer erleben. Die Botschaft des Buches ist im Klassenraum angekommen: Höre niemals auf zu träumen und von deiner Kreativität Gebrauch zu machen!